Samstag, 25. Dezember 2010

Backnanger Kreiszeitung 24.12.2010

„Maligayang Pasko at Manigong Bagong Taon“

Weihnachtsgrüße von den Philippinen – Vera Reupert und Christiane Weller arbeiten in einem Straßenkinderprojekt und erleben eine Zeit mit Höhen und Tiefen
„Maligayang Pasko at Manigong Bagong Taon“ – „Fröhliche Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr“ mal ganz anders wünschen Christiane Weller und Vera Reupert aus dem fernen Manila. Die beiden arbeiten in einem Straßenkinderprojekt auf den Philippinen.
 Dezembertag am Strand: Vera Reupert (rechts) hatte Gelegenheit, ihren Geburtstag in der Vorweihnachtszeit vor einer traumhaften Kulisse zusammen mit Christine Weller zu feiern. Fotos: privat
Dezembertag am Strand: Vera Reupert (rechts) hatte Gelegenheit, ihren Geburtstag in der Vorweihnachtszeit vor einer traumhaften Kulisse zusammen mit Christine Weller zu feiern. Fotos: privat
BACKNANG. Vera Reupert kommt aus Sechselberg und hat das Technische Gymnasium in Backnang besucht, Christiane Weller ist Kleinaspacherin und hat das Sozialwissenschaftliche Gymnasium in Stuttgart absolviert. Beide haben in diesem Jahr ihr Abitur gemacht und sich dann entschlossen, für sieben Monate in einem Straßenkinderprojekt in der Hauptstadt der Philippinen mitzuarbeiten. Ermöglicht wurde ihnen dies durch die Christliche Philippinen Initiative (CPI), einem Verein, der bereits seit 1993 vielseitige Hilfe in den Slums der Millionenstadt leistet. Über ihre Arbeit und ihren Aufenthalt in Manila schreibt Vera:
Wer Weihnachten mit Ruhe und Besinnlichkeit verbindet, wäre hier auf den Philippinen ziemlich fehl am Platz. Heiß, laut und kitschig – schon seit Mitte September dröhnen lautstark Weihnachtslieder gemixt mit Hip-Hop-Musik durch die Straßen. Wer im November noch keinen Plastiktannenbaum aufgestellt und sein Haus mit Glitzerramsch behängt hat, ist wirklich spät dran.
Statt mit dem Tee in der Hand und dem Schlitten vor der Haustür verbringen wir unsere Dezembertage mit Zipfelmütze und Delfinen bei 30 Grad am Strand. Hier wird weniger die Geburt des kleinen Christuskindes gefeiert, die Weihnachtsgeschichte, wie wir sie kennen. Vielmehr ist es eine Geburtstagsparty für Jesus. Man verkleidet sich wie an Fasching und spielt kleine Partyspiele.
Den Mitgliedern und Sponsoren von CPI liegen ganz besonders die Ärmsten der Armen am Herzen. Es gibt verschiedene Aktionen, um den Straßenkindern zu helfen, zum Beispiel ein Kinderheim, ein deutsches Patenschaftsprogramm, Angebote, bei denen die Kinder Essen und Trinken bekommen. Außerdem haben sie die Möglichkeit, sich zu waschen und saubere Kleider anzuziehen.
Alle Aktionen und Angebote werden mit biblischen Impulsen und gemeinsamem Beten verbunden. Dadurch werden den Kindern und deren Familien wichtige christliche Werte vermittelt – sie lernen und leben Gemeinschaft. Die Mitarbeiter und Center sind ein wichtiger Bestandteil im Leben vieler Kinder und deren Familien geworden. Während unseres Aufenthalts wechseln Christiane und ich alle paar Wochen unsere Einsatzstellen. Doch ob im Kinderheim, in der Vorschule, oder im Drop-In-Center – wir verbringen eine einmalige Zeit. Wertvoll für uns, für die Mitarbeiter und ganz besonders wertvoll für die Kinder. Es ist eine sehr emotionale Zeit. Mit vielen Hochs und Tiefs. Jeder Tag ist voll von neuen Eindrücken. Wunderbaren, aber auch schrecklichen. Es gibt Tage, an denen man genau weiß, dass man hierher gehört. Dann ist das Herz erfüllt von Freude und Liebe. Genauso gibt es aber auch Tage, an denen man alles hinschmeißen möchte, um ins nächste Flugzeug in Richtung Deutschland zu flüchten.
Besonders hart und prägend ist für uns die Arbeit im Drop-In-Center. Das Drop-In ist eine akute Anlaufstelle für Straßenkinder, die von Sabine Hamann geleitet wird. Ursprünglich kam sie vor zehn Jahren ebenfalls als Freiwillige nach Manila. Sie hat nun die Arbeit mit den Kindern zu ihrem Beruf gemacht. Das Drop-In befindet sich in einer sehr armen Community in der Nähe des lauten Flughafens. Hinter dem Drop-In-Center liegt eine riesige, stinkende Müllkippe, direkt daneben ist ein Friedhof. Die Müllkippe dient als Arbeitsplatz, der Friedhof als Wohnsiedlung.
Die Häuser der Menschen hier sollte man eher Verschläge nennen. Aus Karton, Plastik und Holz wird eher schlecht als recht etwas zusammengebastelt. Der ganze Alltag – alles – spielt sich in einem zirka 15 Quadratmeter kleinen Zimmer ab. Tagsüber wird auf dem Boden gegessen, gelernt und gelebt. Nachts legt man sich zum Schlafen einfach direkt auf den Boden. Es gibt keinen Raum für Privatsphäre. Man kann sich nie zurückziehen. Gekocht wird vor dem „Haus“ auf einem Grill. Wenn man sich waschen will, nimmt man einen Eimer. Überall auf den Gassen sieht man Leute, die sich oder ihre Wäsche auf der Straße waschen.
Als Einnahmequelle dient zum Beispiel die Müllhalde. Der Abfall der ganzen Community wird dort gesammelt und sortiert – von Hand. Um ihre Familie zu unterstützen, müssen die Kinder ebenfalls diese menschenunwürdige Arbeit leisten. Ein kleines Mädchen von acht Jahren erklärte Christiane, dass sie für ein Kilogramm Metall umgerechnet zirka 4 Cent und für ein Kilogramm Plastik zirka 25 Cent bekomme. Sie klettern auf Müllbergen rum, fahren oft tagelang auf Mülltransportern mit und bekommen dafür einen Hungerlohn.
Die Kinder tragen einen sehr wichtigen Teil für ihre Familie bei. Das erklärt auch die hohe Geburtsrate auf den Philippinen. Man kommt auf die Welt, um zu arbeiten. Kleine Kinder, die noch nicht einmal ihr zehntes Lebensjahr erreicht haben, arbeiten, statt die Schule zu besuchen. Sie haben nie eine Kindheit gehabt, eine liebende Familie. Ihre Jugend ist vom Überleben geprägt und nicht von Liebe, Spaß und Freiheit. Das Drop-In-Center ist ein Ort, an dem die Kinder Kind sein dürfen. Ihnen wird gezeigt, dass sie wichtig sind. Nicht als Einnahmequelle, sondern als Teil einer Gemeinschaft. Ihnen wird gezeigt, dass sie mehr können, als nur Müll aufzusammeln.
„Because we believe children are special“, so lautet der Grundgedanke der philippinischen Partnerorganisation. Wir Deutsche, wir müssen endlich einmal aufhören, auf unserem hohen Niveau zu jammern. Wir haben doch alles. Angefangen bei den materiellen Dingen: Wir müssen kein Schulgeld zahlen, wir haben das Recht auf ein Obdach und einen Job, wir müssen uns nicht um unsere medizinische Versorgung kümmern. In Deutschland ist man abgesichert. Doch es gibt noch etwas viel Wichtigeres, dessen Christiane und ich uns immer bewusster werden: Wir haben das Glück, eine liebende Familie und Freunde zu haben. Wir haben das Glück, nicht alleine zu sein. Sorglos und behütet konnten wir unsere Kindheit in Kleinaspach und Sechselberg ausleben. Zwischen Wiesen und Feldern und nie alleine. Wir waren Kinder und durften es auch sein. Bei Sorgen, Ängsten und Nöten hatten wir eine liebende Familie und Freunde, die uns aufgefangen haben. Diese Gewissheit, diese Sicherheit werden wir unser ganzes Leben lang zu schätzen wissen.
In diesem Sinne wünschen wir Euch vom anderen Ende der Welt wunderschöne, fröhliche und gesegnete Weihnachten. Ihr könnt Euch so glücklich schätzen. Vergesst Eure kleinen Sorgen und feiert und genießt dieses Fest im Kreise Eurer liebenden Familie.
Die Christliche Philippinen Initiative ist ein evangelisches Missions- und Sozialwerk. Der eingetragene Verein hat seinen Sitz in Hardthausen. Die diakonische Arbeit wird ausschließlich durch Spenden getragen. Weitere Infos unter www.cpi-ph.de.

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